Interview

Substanz geht über Form - Board im Interview mit Dr. Klaus von der Linden zur Hauptversammlungssaison 2026

Dr. Klaus von der Linden ist Partner bei Linklaters im Fachbereich Corporate/M&A und ein ausgewiesener Experte des Aktien- und Konzernrechts sowie des Übernahmerechts. Er ist spezialisiert auf die Beratung von Vorständen und Aufsichtsräten, öffentliche Hauptversammlungen, Organhaftung, Corporate Litigation, Corporate Governance, öffentliche Übernahmen sowie komplexe Kapital-, Struktur- und Umwandlungsmaßnahmen. Handelsblatt und Best Lawyers führen ihn als einen von Deutschlands besten Anwälten in den Bereichen „Gesellschaftsrecht“ sowie „Fusionen und Übernahmen/M&A“. In BOARD spricht Dr. Klaus von der Linden mit BOARD-Mitherausgeber Marc Tüngler über seine Erwartungen an die Hauptversammlungssaison 2026 sowie seine Perspektive auf ausgewählte Aspekte guter Corporate Governance in Deutschland.

BOARD

Wie schauen Sie auf die Hauptversammlungssaison 2026?

Klaus von der Linden

Sie verspricht überaus spannend zu werden. Die Unternehmen sehen sich zahlreichen Herausforderungen gegenüber, in ihrem Heimatmarkt und international. Das gilt auch für solche Unternehmen, die für das vergangene Jahr mit guten Zahlen aufwarten können. Denn die Aktionäre interessiert vor allem die Zukunft. Und die ist immer schwieriger abzuschätzen. Der rasante technologische Fortschritt, insbesondere im Bereich der KI, stellt manches etablierte Geschäftsmodell in Frage. Weitere Themen sind US-Zölle, Energiepreise und geopolitische Krisenherde. Wer sich nicht anpasst, kann als Unternehmen schnell unter die Räder geraten. Reichlich Gesprächsstoff also für die Aussprache zwischen Verwaltung und Aktionären.

BOARD

Erwarten Sie besondere Themen oder Herausforderungen?

Klaus von der Linden

Wesentliche Investoren erwarten unvermindert, vielleicht sogar mehr denn je, fokussierte und agile Einheiten. Der Trend zu Abspaltungen von Unternehmensteilen aus breit aufgestellten Börsenkonzernen dürfte also anhalten. Im vergangenen Jahr haben wir solche Spin-offs etwa bei thyssenkrupp/TKMS und bei Continental/AUMOVIO gesehen. Aktuell plant Siemens, seine Mehrheit an Siemens Healthineers auf eine Minderheitsbeteiligung abzuschmelzen – ebenfalls im Wege der Abspaltung. Andere Unternehmen werden Verkäufe erwägen, um sich fortan auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren. Eine hohe Dynamik beobachten wir in der Rüstungsindustrie: Der geplante Börsengang von KNDS wird mit Spannung erwartet. Daneben gibt es aber auch andere spannende Transaktionen, beispielsweise das jüngst verkündete Joint Venture von Heidelberger Druckmaschinen und Ondas im Bereich autonomer Drohnenabwehr.

BOARD

Welche Rolle spielen Ihrer Ansicht nach Governance-Themen in der diesjährigen Saison?

Klaus von der Linden

Sie bleiben wichtig, in vielfacher Hinsicht. Im Vordergrund steht aus meiner Sicht, wie Vorstand und Aufsichtsrat optimal zusammenwirken, um ihr Unternehmen wetterfest aufzustellen: in puncto Geschäftsmodell, Strategie, Unternehmensplanung, Cybersicherheit und Compliance. Dazu gehört – wie immer – die richtige Mischung aus vertrauensvollem Miteinander und kritischer Distanz. Die Unabhängigkeit der Aufsichtsratsmitglieder, insbesondere im Prüfungsausschuss, bleibt somit ein großes Thema. Dasselbe gilt für den Dauerbrenner Vorstandsvergütung und die damit verbundenen Anreize. Es ist aber an der Zeit, dass die Aktionäre den Aufsichtsräten bei Vergütungsfragen wieder mehr Beinfreiheit einräumen. Starre Vergütungssysteme, die den Aufsichtsrat allzu sehr einengen, werden den hochdynamischen Rahmenbedingungen für börsennotierte Unternehmen heute oft nicht mehr gerecht.

BOARD

Welchen Einfluss hat die US-amerikanische ESG-Diskussion auf die Governance und die Hauptversammlungen hierzulande?

Klaus von der Linden

Der Einfluss ist immens. Zahlreiche deutsche Unternehmen bekennen sich weiterhin und auch mit Nachdruck zu ESG. Doch steht das Thema oft nicht mehr in erster Reihe. Vor zwei Jahren haben wir noch intensiv über den Say on Climate diskutiert. Heute spielt diese Diskussion in der Praxis keine Rolle mehr. Auch in den Vergütungssystemen geht die Bedeutung von ESG-Kriterien teilweise zurück. Dazu trägt der Rückbau von Berichtspflichten auf EU-Ebene bei – Stichworte: CSRD und Omnibus. Vor allem aber hat sich die Erwartung der Investoren gewandelt: US-Investoren fordern mitunter die offene Abkehr von ESG ein. Demgegenüber stehen viele europäische Investoren dem Thema noch deutlich näher. Diese gespaltene Erwartungshaltung kann das Management eines börsennotierten Unternehmens zwischen Baum und Borke bringen – bei der strategischen Ausrichtung des Unternehmens und auch bei der darauf abgestimmten Organvergütung.

BOARD

Eine weitere Folge ist, dass in den USA die Stimmrechtsberater unter Druck geraten. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Klaus von der Linden

Ja, die Anti-ESG- und Anti-DEI-Strömung in und aus den USA wirkt sich spürbar auf die Stimmrechtsberater und deren Geschäftsmodell aus. Sie spüren politischen Gegenwind, weil sie ihre Empfehlungen teils auf ESG-Kriterien stützen statt auf rein finanzielle Erwägungen. Die Macht der Proxies wackelt daher, aber auch aus anderen Gründen. Manche Investoren nutzen inzwischen eigene technische Tools, um Geschäftsberichte, Tagesordnungen und Beschlussvorschläge ihrer Beteiligungsunternehmen auszuwerten und ihr Stimmverhalten festzulegen. Auf diese Weise erodieren der Kundenstamm und der Einfluss der Proxy Advisor. Für die Unternehmen ist das ein zweischneidiges Schwert. Einerseits werden sie, selbst bei breitem Streubesitz, weniger abhängig von den teils strengen Proxy Guidelines und Empfehlungen der Berater. Andererseits kann das Meinungsbild im Aktionärskreis zerfasern. Beschlussergebnisse lassen sich schwieriger prognostizieren. IR-Abteilungen müssen Stimmen wieder auf breiterer Front einwerben.

BOARD

Wie stark sehen Sie den Aufsichtsrat auf den Hauptversammlungen im Zentrum?

Klaus von der Linden

Der Aufsichtsrat ist in der Hauptversammlung in mehrfacher Hinsicht bedeutsam. Das gilt in erster Linie inhaltlich. Hintergrund ist, dass die Rolle des Aufsichtsrats in der Corporate Governance sich zusehends wandelt – vom ursprünglich eher passiven Kontrolleur zum aktiven strategischen Sparringspartner des Vorstands. Das bedeutet in der Hauptversammlung mehr Rampenlicht für ihn. Damit einher geht eine stärkere Einbindung in die Abläufe, etwa bei der Beantwortung von Fragen oder auch bei proaktiven Statements zur Lage der Gesellschaft. Schlüsselfigur und Sprachrohr ist und bleibt dabei allerdings allein der Aufsichtsratsvorsitzende, der in aller Regel auch der Versammlungsleiter ist. Manche Aktionäre wünschen sich das anders. Etwa, dass der kaum minder wichtige Vorsitzende des Prüfungsausschusses in der Hauptversammlung ebenfalls eine aktive Rolle einnehmen möge – möglicherweise auch die Vorsitzenden anderer zentraler Ausschüsse. Das hat sich aber in der deutschen HV-Praxis noch nicht durchgesetzt.

BOARD

Wo sehen Sie Verbesserungsoptionen für die Versammlungsleitung und damit auch für die Dramaturgie der Hauptversammlung?

Klaus von der Linden

Eine Hauptversammlung folgt bestimmten Spielregeln. Es ist wichtig, diese Regeln einzuhalten, aus rechtlichen ebenso wie aus atmosphärischen Gründen. In erster Linie sollte es den Unternehmen und ihren Organen jedoch um starke inhaltliche Botschaften gehen. Das gilt für Vorstand und Aufsichtsrat gleichermaßen. Diese Priorität lässt sich auch in die Abläufe der Hauptversammlung übersetzen. Warum nicht ein starker inhaltlicher Start mit einer kurzen, aber aussagekräftigen Rede des Aufsichtsratsvorsitzenden zur Lage der Gesellschaft aus seiner Perspektive – und selbstverständlich präzise abgestimmt auf die spätere Vorstandsrede? Erst danach geht es dann, in gebotener Kürze, in die Erläuterung der Regularien. Ein solcher inhaltlicher Start mit klaren Kernbotschaften macht Eindruck und bleibt den Aktionären im Gedächtnis. Ebenso der Öffentlichkeit, falls die Hauptversammlung frei übertragen oder in der Presse über sie berichtet wird.

BOARD

Sollten tagesordnungsfremde Fragen und Redebeiträge konsequenter unterbunden werden?

Klaus von der Linden

Diese Frage hat mehrere Facetten. Wir alle wünschen uns eine straffe und sachorientierte Debatte. Und natürlich darf und sollte der Versammlungsleiter die Redner dazu anhalten. Das ist eine seiner Kernaufgaben. Dazu gehört aber ein belastbares Gefühl für handelnde Personen, den richtigen Zeitpunkt und die richtige Tonlage. Manche Redner drehen nach frühzeitigen oder allzu deutlichen Ermahnungen erst richtig auf. Sie holen dann zum verbalen Gegenschlag aus. Oder sie stellen Anträge, die in zusätzliche Abstimmungsgänge münden. Mit beidem ist der Gesellschaft und den Mitaktionären nicht gedient. Ohnehin kann es anspruchsvoll sein, Fragen oder Redebeiträge als sachfremd auszumachen, solange der Redner noch spricht. Das gilt auch bei politisch eingefärbten Beiträgen. Zwar ist die Hauptversammlung ein Beschlussforum und keine Bühne für Meinungen aller Art. Es lassen sich aber erfahrungsgemäß von vielen allgemeinpolitischen Themen doch Brücken zur Gesellschaft oder ihrer Lage schlagen. Das gilt auch und gerade in den sensiblen Bereichen Umwelt und Soziales. Kurzum: straffere Versammlungsleitung ja, aber nicht um ihrer selbst Willen und auch nicht um jeden Preis.

BOARD

Was kann man noch tun, um die Hauptversammlung zügiger, aber vor allen Dingen attraktiver zu gestalten?

Klaus von der Linden

„Substance over form“ sollte das Motto sein. Manche Leitfäden für Versammlungsleiter sind seit 10 Jahren unverändert. Oft wird darin das Abstimmungsprozedere sehr detailliert erklärt, teils sogar mehrfach. Solche Passagen darf und sollte man ruhigen Gewissens straffen. Der Versammlungsleiter muss auch weder die Tagesordnung noch die Beschlussvorschläge der Verwaltung verlesen. Gleiches gilt für Anfangs- und Zwischenpräsenzen, es sei denn, es hängt ausnahmsweise die Beschlussfähigkeit der Versammlung davon ab. Stattdessen sollte der Fokus besser auf die inhaltliche Erläuterung der wichtigen Punkte gelegt werden, etwa Kapitalmaßnahmen oder die Vorstellung neuer Wahlkandidaten für den Aufsichtsrat. Das klingt selbstverständlich, findet aber längst noch nicht überall statt. Beschlüsse können kompakter und verständlicher verkündet werden, als es heute oft noch geschieht, gerne auch ohne Schachtelsätze.

BOARD

Wie sieht es in der Debatte aus?

Klaus von der Linden

In der Debatte bestimmen die Aktionäre die Themen. Eine kluge Verwaltung nimmt aber naheliegende Fragen vorweg und geht darauf aus eigener Initiative in den einleitenden Reden ein. Das gilt auch und insbesondere, wenn es um sensible Themen geht – denn die sollte man für den Erstzugriff nicht einem kritischen Redner überlassen. Große Unternehmen greifen in diesem Jahr vermehrt zu KI-Lösungen, um Fragen oder Anträge zu erfassen und ohne Zeitverlust in Text umzuwandeln – und auch um zügig hochwertige Antworten zu erstellen. Es bleibt zu hoffen, dass dies als Dienst am Aktionär wahrgenommen wird, statt neue formale Diskussionen auszulösen.

Das Interview finden Sie neben den anderen vollständigen Artikeln im Archiv der BOARD 2/2026.

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